Das Wesen der Angst

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Was ist Angst? Wie fühlt sich Angst an? Warum haben Menschen Angst? Und wie gehen Menschen mit ihren Ängsten um? Darum geht es in der neuen Serie der Volontäre der Mitteldeutschen Zeitung. In den nächsten Wochen werden wir sowohl online, wie auch in der gedruckten Ausgabe der MZ nach Antworten auf diese und viele weitere Fragen suchen.

Zum Einstieg in unser multimediales Projekt zum Thema Angst haben wir uns zunächst selbst gefragt: Was ist deine größte Angst?

„Und was ist deine Angst?“

Anschließend haben wir die Leser der MZ dazu aufgerufen, uns mittels einer Online-Umfrage auch ihre größten Ängste mitzuteilen. Dabei zählten, wenig überraschend, die Angst vor Erkrankung, Kriegen, Terrorismus und den Auswirkungen der Flüchtlingswelle zu den häufigsten Antworten. Aber auch die Angst vor Spinnen, Autofahren oder Panikattacken wurden von den MZ-Lesern im Zuge der Umfrage genannt.

Wordcloud Angst
Die Ängste der MZ-Leser.

Ohne Zweifel: Das Spektrum der menschlichen Ängste ist breit. Das hat die Umfrage deutlich gezeigt. Aber so verschieden unsere einzelnen Ängste auch sind, eines haben wir doch alle gemein: Jeder von uns kennt Ängste. Jeder von uns hat Ängste. Ängste sind unsere ständigen Begleiter.

„Ängste entstehen nicht durch Lernerfahrungen, sondern sie sind fast alle angeboren.“
Borwin Bandelow, Psychologe und Angstexperte

Aber was ist Angst überhaupt? Woher kommt sie? Und wie kann man ihr begegnen? Die Antwort auf all diese Fragen kennt Borwin Bandelow. Er ist Präsident der Gesellschaft für Angstforschung und stellvertretender Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Göttingen. Bandelow zählt zu den renommiertesten Angstforschern Deutschlands.

Borwin Bandelow (Foto: Fabian Wölfling)
Borwin Bandelow (Foto: Fabian Wölfling)

In zahlreichen wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Arbeiten hat sich Bandelow mit menschlicher Angst auseinandergesetzt. „Das Angstbuch. Woher Ängste kommen und wie man sie bekämpfen kann“ aus dem Jahr 2004 wurde zum Bestseller. Der Angstexperte ist regelmäßiger Gast in Funk- und Fernsehsendungen. Wir haben Borwin Bandelow nach seinen zentralen Erkenntnissen aus der jahrelangen Auseinandersetzung mit dem Thema Angst gefragt – hier seine Antworten auf unsere Fragen:

«Angst ist eine Kampf- oder Fluchtreaktion, die ausgelöst wird, wenn man in Gefahr ist. Dann findet im Körper eine blitzschnelle Umstellung statt. Zum Beispiel wird Blut in die Arme und Beine gepumpt, damit man besser weglaufen oder kämpfen kann. Das funktioniert ähnlich wie bei einem modernen Auto, das einen Unfall erahnt, bevor er geschieht. Es löst zum Beispiel das ESP aus.»

«Ja. Gerade die Menschen, die in grauer Vorzeit keine Angst hatten, sind aussortiert worden. Sie sind zu früh gestorben und haben keine Kinder bekommen. Daher haben nur die Ängstlichen überlebt und ihre Ängste immer weiter vererbt.»

«Die meisten Menschen denken, dass Ängste immer auf schlechten Erfahrungen beruhen, was aber gar nicht stimmt. Manche Ängste können gar nicht durch schlechte Erfahrungen entstehen, zum Beispiel die Spinnenangst. Spinnen sind schließlich heute in Deutschland völlig harmlos. Ängste entstehen also nicht durch Lernerfahrungen, sondern sie sind fast alle angeboren. Sie sind nur bei den Menschen unterschiedlich ausgeprägt.»

«Bei Angsterkrankten geht der Mechanismus, die Angstreaktion los, obwohl gar keine Gefahr da ist. Ich erkläre mir das so, dass jeder Mensch einen Sensor im Körper hat, der einen warnt, wenn innere oder äußere Gefahr droht. Bei Angsterkrankten ist dieser Senor zu sensitiv eingestellt. Dadurch springt das Angstzentrum an, ohne dass es Gefahr gibt. So wie bei einem Auto, bei dem das ESP auf dem Parkplatz losgeht.»

«Das hat man noch nicht ausreichend erforscht. Aber man weiß, dass es erblich ist. Zu 48 Prozent wird die Panikstörung vererbt. Und wahrscheinlich beruht die Störung auf einem schwächlichen Serotonin-System, aber das weiß man noch nicht ganz sicher. Serotonin ist eine Art Bremsleitung im Gehirn, die einen beruhigen soll, wenn man sich aufregt.»

«Ob es Spinnenangst oder die Angst in engen Räumen ist, man muss sich damit konfrontieren. Es hilft nichts, nur darüber zu schwafeln. Wenn man Skifahren lernt, hat man auch eine primitive Angst vor dem Abhang. Die kann man nur überwinden, indem man den Abhang runterfährt und nicht mittels eines theoretischen Videos. Genau so ist es mit allen primitiven Ängsten. Man muss sie mit Übung und Konfrontation überwinden.»

Borwin Bandelow weist darauf hin, dass viele Ängste, die wir Menschen heute kennen, schon sehr alt sind. Seit Jahrtausenden erfüllen sie eine wichtige Funktion: Als stetig wachsamer Warn- und Schutzmechanismus bewahrten Ängste schon unsere Ahnen in grauer Vorzeit vor potentiellen Gefahren. Zum Beispiel hielt die Höhenangst Menschen vor zu waghalsigen Klettermanövern ab oder die Angst vor Spinnen schützte vor todbringenden Stichen.

Es gibt aber viele weitere, noch heute verbreitete Ängste, die schon unsere Vorfahren kannten und die von Generation zu Generation weitervererbt wurden. Heute sind sie als Warn- und Schutzmechanismus meist unnötig, aber dennoch sind viele Menschen noch immer von ihnen betroffen.

  • Viele Menschen haben zum Beispiel Angst vor Katzen. Das lässt sich zurückführen auf die berechtige Angst unserer Ahnen vor den gefährlichen Säbelzahntigern. (Foto: DPA)

Diese exemplarische Bilderstrecke verdeutlicht nicht nur, dass viele der heute in unserere Gesellschaft verbreiteten Ängste schon sehr alt sind, sondern auch, dass Ängste uns Menschen seit jeher begleiten. Selten aber waren sie in unserer Gesellschaft so allgegenwärtig wie im Jahr 2016.

DAS JAHR DER ANGST

Terroranschläge in Paris, Brüssel oder Istanbul, zunehmender politscher Extremismus und der Zuzug von Fremden nach Deutschland haben die Ängste der Menschen in die Höhe getrieben. Speziell die realen oder oft auch nur gefühlten Auswirkungen der Flüchtlingswelle verunsichern große Teile der deutschen Gesellschaft und rufen starke Ängste bei den Menschen hervor. Exemplarisch zu beobachten war das bei einer Bürgerversammlung in Halle-Nietleben im April 2016, in der über den Zuzug von 16 minderjährigen Flüchtlingen informiert wurde.

Die Feststellung, dass das Angstniveau durch Terroranschläge, den wachsenden politischen Extremismus und den Zuzug von Fremden und Flüchtlingen derzeit besonders hoch ist, beruht aber nicht nur auf subjektiven Beobachtungen, wie sie in Halle-Nietleben und an vielen anderen Orten gemacht werden konnten und immer noch gemacht werden können. Die besondere Veränstigung der deutschen Gesellschaft lässt sich auch mit statistischen Daten belegen.

Für die Studie werden jährlich 2.400 Deutsche nach ihren 20 größten Ängsten befragt. Die Befragten geben zum Beispiel an, ob sie Angst vor Terrorismus verspüren. Das generelle Angstniveau bzw. der Angstindex wird aus dem Durchschnitt der einzelnen Ängste errechnet.

So ist das Angstniveau nach den Ergebnissen einer repräsentativen Studie der R+V-Versicherung, bei der die deutsche Bevölkerung seit 1992 im Jahresrhythmus nach ihren größten Ängsten befragt werden, noch nie innerhalb eines Jahres so sehr in die Höhe geschnellt wie im Vergleich von 2015 zu 2016.

Das komprimierte, wie eingängige Fazit der diesjährigen Studie lautete deshalb: „2016 ist das Jahr der Angst“.


Im Vergleich zum Vorjahr ist das Angstniveau der Deutschen 2016 um zehn Prozentpunkte gestiegen und liegt nun bei 49 Prozent. Zuvor lag der höchste gemessene Anstieg innerhalb eines Jahres bei sieben Prozentpunkten. Auch der absolute Höchstwert von 51 Prozent, gemessen in den Jahren 2003 und 2005, wurde in diesem Jahr nur knapp verfehlt.


Der außergewöhnlich hohe Anstieg des allgemeinen Angstniveaus erklärt sich aus dem enormen Anstieg vieler einzelner Ängste. Beispielsweise hat sich die Angst vor Terrorismus um 21 Prozentpunkte, die Angst vor politischem Extremismus um 19 Prozentpunkte und die Angst vor Spannungen durch den Zuzug von Ausländern um 18 Prozentpunkte erhöht. Insgesamt überspringen in diesem Jahr ganze zwölf der 20 abgefragten Ängste die 50-Prozent-Marke. Im vergangenen Jahr ängstigten nur vier Themen mehr als die Hälfte der Befragten.


Bei der Messung des Angstniveaus nimmt Sachsen-Anhalt im Vergleich der Bundesländer seit Jahren einen der vordersten Plätze ein. 2015 belegte Sachsen-Anhalt sogar den Spitzenplatz. 2016 erreichte das Angstniveau nur in Hessen einen höheren Wert. Das bedeutet: Die Menschen in Sachsen-Anhalt sind im Bundesvergleich besonders verängstigt.

ÄNGSTE IM MITTELPUNKT

Wir, die Volontäre der Mitteldeutschen Zeitung, haben das zum Anlass genommen, um uns in einem Projekt intensiv mit dem Thema Angst auseinanderzusetzen. Verschiedene Ängste der MZ-Leser werden wir dabei aufgreifen: Zum Beispiel die diffusen Ängste, die durch die Flüchtlingswelle hervorgerufen werden. Oder Panikattacken und damit verbundene Todesängste.

Dabei werden nach der Einführung durch Professor Borwin Bandelow in den kommenden Wochen Menschen mit ihren verschiedenen Ängsten im Mittelpunkt stehen. Was beschäftigt sie? Wie sieht ihr Alltag aus? Was steckt hinter ihren Ängsten? In vielen Fällen werden auch Auswege aus den Ängsten aufgezeigt. Denn: Ängste sind zwar unsere ständigen Begleiter und oft ein wichtiger Schutzmechanismus. Sie sollten und müssen aber nicht unser Leben bestimmen.