„Ich bin hier nur zu Gast“

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Gazwhan Zaghal, 38, hatte ein tolles Leben, in einem wunderschönen Land – Syrien. Wegen des verheerenden Krieges, beschloss er zu fliehen. Per Facebook hat die MZ ihre Leser dazu aufgerufen, Fragen an den syrischen Geflüchteten  zu stellen und erhielt dutzende Zuschriften.

Aufruf über Facebook

 

Ghazwan Zaghal, 38, stammt aus Damaskus, der Hauptstadt Syriens. Bevor der Krieg das Leben in seiner Heimat bestimmte, arbeitete er dort als Frisör in seinem eigenen Salon. Als dieser von einer Autobombe zerstört wird, beschließt der Syrer zu fliehen. Knapp 6 000 Kilometer und viele Monate später erreicht er Potsdam und wird im Oktober 2015 schließlich in Aschersleben untergebracht. Dort absolviert er zuerst ein Prakikum im Friseursalon, bevor er wenig später eine Festanstellung erhält. Ghazwan Zaghal lebt mittlerweile seit über einem Jahr in Deutschland.

In einem Interview hat Zaghal die Fragen unserer Leser beantwortet.

Hast du in Deutschland auch Ablehnung erfahren?

Zaghal:  Viele Menschen denken, wir Flüchtlinge wären wegen des Geldes nach Deutschland gekommen. Würde in Syrien kein Krieg herrschen, wären wir nicht hier. Wir hatten ein tolles Leben vor dem Krieg. Ein wunderschönes Land. Warum sollten wir unsere Heimat verlassen, wenn wir es nicht hätten tun müssen? Wir sind hier, weil wir in Frieden leben wollen.

Fünf Jahre dauert der Bürgerkrieg in Syrien bereits an. Städte wie Damaskus oder Aleppo gleichen einem Trümmerfeld. Auch Kulturstätten sind den Bomben des sogenannten Islamischen Staates zum Opfer gefallen. Die Galerie zeigt Vorher- und Nachherbilder aus Syrien.

  • Aleppo 2007
    Ein Blick über die Dächer Aleppos im Jahr 2007. Foto: limago

 

Wie gehst du damit um, wenn du angefeindet wirst?

Zaghal: Ich ignoriere es. Wenn die Menschen schlecht über mich reden, was sie manchmal tun, dann reagiere ich nicht. Ich kann nicht ändern, was sie denken, oder glauben zu wissen. Ich kann nur ich selbst sein.

Im Video erklärt Zaghal, warum er glaubt, dass einige Deutsche Angst vor Flüchtlingen haben und wie man diese Ängste seiner Meinung nach abbauen könnte:

 

Wo hast du gelebt, bevor du nach Deutschland kamst?

Zaghal: Ich habe in der Nähe von Damaskus gelebt. Ich hatte dort einen eigenen Frisörsalon, eine eigene Wohnung, ein eigenes Leben. Ein sehr normales Leben.

Auslöser des Bürgerkriegs in Syrien war ein friedlicher Protest im Zuge des Arabischen Frühlings im Jahr 2011, der zum bewaffneten Konflikt eskalierte. Das ursprüngliche Ziel der Opposition, ein demokratisches System in Syrien zu etablieren, spielt seither nur noch eine nebensächliche Rolle. Stattdessen kämpfen verschiedene Organisationen aus religiösen und ethnischen Gründen gegeneinander.

Karte und Chronologie des Arabischen Frühlings.

Hast du noch Familie in Syrien?

Zaghal: Ich habe einen Vater, eine Mutter und drei Schwestern. Ich bin der Älteste meiner Geschwister. Bevor ich geflohen bin, haben wir in einer Region gelebt, die sehr gefährlich war. Von allen Seiten wurden wir bombardiert. Deshalb habe ich meiner Familie eine neue Bleibe in einer sichereren Gegend gesucht und bin dann geflohen.

Warum Zaghal beschloss aus seiner Heimat zu fliehen und was er auf seiner Flucht erlebte, erzählt er hier:

 

  • Dutzende Geflüchtete befinden sich auf diesem Schlauchboot, das auch Zaghal in die griechische Stadt Mytilini bringt. Foto: Zaghal

Hast du Freunde oder Familienangehörige im Krieg verloren?

Zaghal: Natürlich.

Wen Zaghal im Krieg verloren hat und wie, darauf möchte er nicht antworten. Der Verlust schmerzt zu sehr, die Erinnerungen sitzen tief.

Warum bist du ohne deine Familie geflohen?

Zaghal: Der Weg von Damaskus nach Deutschland ist sehr gefährlich. Jeder hat doch davon gehört, dass viele Menschen, darunter auch Kinder, auf ihrer Flucht im Meer ertrunken sind. Weil sie nicht schwimmen können zum Beispiel. Andere werden von Grenzpolizisten geschlagen. Das ist mir passiert. Deshalb würde ich meine Familie niemals auf diesen Weg schicken. Die Idee war, dass ich vorgehe und sie nachhole. Aber das geht nicht mehr.

Seine Flucht führt Ghazwan Zaghal durch neun Länder. Er ist zu Fuß, mit dem Zug, mit dem Schlauchboot und dem Flugzeug unterwegs. Dabei legt er knapp 6 000 Kilometer zurück. Diese Route nahm er von Syrien nach Deutschland.

 

Wieso kannst du deine Familie nicht nach Deutschland holen?

Zaghal:  Weil ich kein Asyl bekommen habe, sondern nur einen subsidiären Schutzstatus.

Im April 2016 hat Ghazwan Zaghal einen Bescheid des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge in Bonn (Bamf) erhalten. Darin wurde dem 37-Jährigen mitgeteilt, dass ihm zwar der subsidiäre Schutzstatus zuerkannt, sein Asylantrag aber abgelehnt wurde. Zaghal hat lediglich eine einjährige Aufenthaltserlaubnis zugesprochen bekommen, die für jeweils zwei Jahre verlängert werden kann. Seine Familie, die noch in Syrien lebt, darf frühestens in zwei Jahren nachkommen. Der 37-Jährige war der erste syrische Geflüchtete in Aschersleben, dessen Asylantrag abgelehnt wurde.

Neuerungen Familiennachzug 2016
Um die Flüchtlingsströme besser bewältigen zu können, wird seit Einführung des Asylpaket II Anfang 2016 der Familiennachzug für Antragsteller mit subsidiärem Schutz für zwei Jahre ausgesetzt.
Wer erhält Subsidiären Schutzstatus?
Subsidiären Schutz erhält wem in seinem Herkunftsland die Vollstreckung der Todesstrafe, Folter, unmenschliche Behandlung sowie Bestrafung oder Bedrohung durch willkürliche Gewalt droht.
Wer erhält Asyl?
Asyl erhält hingegen, wer wegen seiner Religion, Rasse, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder seiner politischen Überzeugung verfolgt wird, oder eine Verfolgung fürchtet.

 

Sorgst du dich um deine Familie, die noch in Syrien lebt?

Zaghal:  Ja, jeden Tag. Immer.

Warum bist du nicht in Syrien geblieben, um dort zu kämpfen?

Zaghal:  Mit wem sollte ich kämpfen? Dort gibt es so viele verschiedene Gruppen: Die syrische Armee, die Freie Syrische Armee, iranische, russische Streitkräfte, Terroristen. Wenn ich mich einer Gruppe angeschlossen hätte, wäre ich von einer anderen getötet worden. Ich wusste nicht, für wen ich kämpfen soll.

 

Übersicht über die Kriegsparteien und Allianzen in Syrien auf internationaler, regionaler und innerstaatlicher Ebene. (Stand September 2016)
Übersicht über die Kriegsparteien und Allianzen in Syrien auf internationaler, regionaler und innerstaatlicher Ebene. (Stand September 2016)

Folgende Frage wurde besonders häufig  gestellt. Zaghal hat sie nach eigenen Angaben schon oft gehört:

Wirst du nach Syrien zurückkehren, wenn der Krieg vorbei ist?

Zaghal:  Natürlich. Wer soll das Land denn sonst wieder aufbauen? Ich bin zwar nur Friseur, aber ich kann arbeiten. Da ist mein Land. Jeder von uns sollte zurückgehen und Syrien wieder aufbauen.

Wieso bist du nach Deutschland gekommen, obwohl du zuvor bereits andere, sichere Länder durchquert hast? Was gefällt dir  an diesem Land?

Zaghal:  Bevor ich nach Deutschland gekommen bin, habe ich mich darüber informiert, in welches Land ich flüchten möchte. Es gab viele Möglichkeiten: Holland, Schweden, Deutschland. Dann habe ich gelesen, wie schnell die Deutschen ihr Land nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut haben. Das hat mich beeindruckt. Heute ist Deutschland eins der tollsten Länder der Welt, eins der stärksten. Hier wollte ich leben und mich beweisen.

Fühlst du dich in Deutschland willkommen?

Zaghal:  Ja, ich habe hier viele Freunde gefunden. Und ich bin dankbar, für die Gastfreundschaft, die mir zuteil wird.  Ich hoffe, dass viele Menschen nun auch ihre Angst verlieren.

Fühlst du dich in Aschersleben wohl?

Zaghal:  Die Menschen hier haben ein gutes Herz. Es ist gut hier zu leben, weil ich die Deutsche Sprache lernen kann. Aber ich würde gern in eine größere Stadt ziehen, um meiner Professionalität nachzugehen. In Metropolen findet man einen anderen Lifestyle. Als Frisör bist du Künstler und lebst für diesen Style. Frauen gehen dort zum Frisör, weil sie auf eine Party wollen, zu einem Essen oder weil sie für die Arbeit hübsch aussehen möchten. Es ist ein wenig anders als in kleinen Städten. Da ist es ruhiger. Ich fühle mich in Aschersleben zu Hause und lebe gern hier. Aber ich würde noch lieber in einer größeren Stadt arbeiten.

Zwingt Zaghal den Deutschen seine Kultur auf? Im Video hat er eine klare Botschaft:

 

Bist du religiös?

Zaghal: Ich bin Moslem, aber meine Religion spielt sich zwischen Gott und mir ab. Mir ist gleich, ob du Christ oder Jude, oder Moslem bist. Ich behandle jeden Menschen als Menschen.

Was bedeuten Integration und Anpassung für dich?

Zaghal: Deutschland hat die Türen für uns geöffnet. Alle Flüchtlinge sollten nun Deutsch lernen, um dafür zu sorgen, dass wir uns gegenseitig verstehen, dass wir miteinander kommunizieren und uns ausdrücken können. Ansonsten entstehen Ängste. Viele Deutsche haben Angst vor Flüchtlingen. Weil sie glauben, alle wären Terroristen oder Kriminelle. Das ist absolut falsch. Wenn ihr wissen wollt, wer die Flüchtlinge sind, müsst ihr mit ihnen kommunizieren.

Integration bedeutet also in erster Linie, Deutsch zu lernen?

Zaghal:  Natürlich. Und Arbeit zu finden. Viele Syrer sind gut ausgebildet, sehr gute Handwerker. Wir sind es nicht gewohnt, Geld zu nehmen. Wir wollen für unser Geld arbeiten. Ich habe nach drei Monaten begonnen, zu arbeiten.

Was Zaghal vermisst, seitdem er aus seiner Heimat fliehen musste, erzählt er im Video:

 

Wie gehst du mit dieser Sehnsucht um?

Zaghal:  Es ist ein schreckliches Gefühl. Es gibt keine Beschreibung für dieses Gefühl, für die Sehnsucht nach meiner Heimat und Familie. Ich denke immer daran.

Wieso besitzen so viele Flüchtlinge Smartphones?

Zaghal: Wie sollen wir ohne Smartphones mit unseren Familien kommunizieren? Ich habe mein Telefon nicht von dem Geld der Deutschen gekauft, ich hatte es schon, bevor ich nach Deutschland kam. Ich habe dafür gearbeitet.

  • (zensierter) Bürger.

    Meine erster Gedanke war netter Artikel eines Positivbeispiels.

    Mit dem Zitat „Viele Syrer sind gut ausgebildet, sehr gute Handwerker. Wir sind es nicht gewohnt, Geld zu nehmen.“ entlarvt sich der Artikel und man stellt sich die Frage, warum dem Leser ein überholtes Trugbild vermittelt werden soll. Schade!

    • Christian

      Lieber (doch nicht zensierter) Bürger,

      Wie viele Flüchtlinge aus Syrien kennen Sie persönlich? Welche Berufe und Schulausbildung haben die?

      Ich kann aus meiner persönlichen Erfahrung sagen, dass das kein Trugbild ist. Man muss sich aber tatsächlich mal die Mühe machen, mit anderen Menschen zu sprechen, um das zu erfahren.

      Ich wünsche Ihnen für Ihr Leben, dass Ihnen diese Erweiterung Ihres Horizont noch gelingt.

      • (zensierter) Bürger.

        Die Zensur unterliegt fraglichen Kriterien und greift nicht zu 100%.

        Ihre subjektiven Erfahrungen stelle ich nicht in Abrede. Das übernehmen Behörden, welche über einen anderen Horizont als ein Christian verfügen.

  • zensierter

    Wenn diese Leute hier wenigstens gegen Mutti samt Hofstaat als die Kriegsverantwortlichen demonstrieren würden!
    Auf Krieg angesprochen gab es auch hier nur Morddrohungen (angedeuteter Schläfenschuss) …
    Carl Friedrich von Weizsäcker: „Der bedrohte Frieden“… aber auch das ist Zensur in MSM